Samstag, 1. September 2012

Die Naivität des Zentralrats der Juden

"Muslimische Verbände haben bereits öffentlich und gegenüber dem Zentralrat ihr Mitgefühl und ihre Abscheu über den gewalttätigen Überfall am Mittwochabend Ausdruck verliehen. „Solche Taten erzeugen bei Muslimen tiefste Abscheu“, sagte etwa Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.
Dieter Graumann genügt das nicht. „Worte des Mitgefühls sind schön und ehrlich gemeint. Aber Taten wären auch wichtig“, sagte der Zentralratspräsident. „Ich würde mich freuen, wenn die Verbände sich endlich entschlossener gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen wenden würden. Das Engagement in den eigenen Reihen ist sehr stark verbesserungswürdig'."
(Quelle: Berliner Zeitung, 31.08.12)

Der brutale Überfall auf den Berliner Rabbi und seine Familie, aber auch die Warnungen jüdischer Vertreter vor dem Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit, waren der Schock der abgelaufenen Woche. Beides hat offenbart, dass es 67 Jahre nach dem Ende des 3. Reiches wieder eine Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland gibt. Eine Realität, die auch für nicht-jüdische Deutsche, die in der schwarz-rot-goldenen Flagge nicht etwa die Flagge eines Fußball-Turnieres, sondern vielmehr die deutschen Farben von Freiheit und Demokratie erblicken, völlig unerträglich und in keinster Weise akzeptabel ist.

Aber versuchen wir trotzdem, diese Geschichte einmal ganz nüchtern zu sehen: Wir leben schon lange in Zeiten, in denen schätzungsweise 99,9% der weltweit gegen Juden gerichteten Gewalt von - radikalen - Muslimen ausgeht. In Europa, insbesondere in Ländern wie Frankreich und Schweden, sind muslimische Übergriffe gegen Juden längst traurige Normalität - von Terror-Anschlägen, wie dem des Salafisten Mohamed Merah, der im März dieses Jahres unter anderem vier französische Juden, darunter drei Kinder, brutal ermordet hat, einmal ganz zu schweigen. Und solche Formen der Gewalt mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu entschuldigen, ist nicht nur ekelhaft und pervers - sondern vor allem falsch, denn den Islam und seinen Judenhass gab es schon lange vor dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Die entsprechenden Koran-Suren jedenfalls wurden (sehr) lange vor 1967 verfasst - also möge man Ursache und Wirkung bitte nicht ständig verdrehen!

Da war es nicht ernsthaft zu erwarten, dass ausgerechnet jenes Deutschland, in dem nicht nur die Salafisten, sondern auch explizit judenfeindliche Gruppierungen wie z.B. Milli Görüs, von einer SPD-geführten Integrations-Industrie verhätschelt werden, dauerhaft eine Ausnahme bleiben wird. Umso verwunderlicher war es, wie sich der Zentralrat der Juden in den letzten Jahren positioniert hat: Islamischer Extremismus und Antisemitismus waren für den Zentralrat der Juden nie ein Thema, stattdessen hat man demonstrativ die Nähe von Islam-Verbänden gesucht, mit denen man immer gerne gemeinsam so getan hat, als ob jeder nicht-jüdischer und nicht-muslimischer Deutsche ein potentieller Rassist und Rechtsextremer sei.

Auch die Mönchengladbacher Salafisten-Gegner durften derlei erleben: Während des Mönchengladbacher Bürger-Protestes gegen die Salafisten 2010/2011 haben christliche und muslimische Kirchen-Gemeinden Stellung bezogen. Natürlich waren die Verurteilungen der Salafisten durch christliche und muslimische Kirchen-Gemeinden nichts weiter als Lippen-Bekenntnisse - keine einzige, auch keine christliche Kirchen-Gemeinde, hatte wirklich den Mut, sich gegen die Salafisten zu stellen. Nur ändert das nichts daran, dass die Jüdische Gemeinde dieser Stadt die einzige relevante Kirchen-Gemeinde war, von der selbst ein solches Lippen-Bekenntnis nicht zu erlangen war. Dass sich neben christlichen und atheistischen Mönchengladbachern auch vereinzelt muslimische Bürger dieser Stadt gegen die Salafisten engagiert haben, aber kein einziger jüdischer Bürger dieser Stadt hierbei mitgemacht hat, hat damals bei den Mönchengladbacher Salafisten-Gegnern schon eine gewisse Enttäuschung hinterlassen. Verstanden jedenfalls hat es in Anbetracht des Judenhasses der Salafisten niemand.

Und wenn Herr Graumann und sein Zentralrat jetzt darauf hoffen, die Islam-Verbände würden sich gegen einen zum Islam gehörenden Judenhass engagieren, dann zeugt das von schon fast bemitleidenswerter Naivität. Denn gerade in den letzten Tagen hat uns der Streit zwischen dem Bundes-Innenministerium und den Islam-Verbänden erneut deutlich aufgezeigt, welche Bereitschaften Islam- und Migrantenverbände haben, wenn es gilt, gegen Bedrohungen vorzugehen, die mit der eigenen Religion zu tun haben: Nämlich gar keine.

Dass es 67 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur wieder eine Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland gibt, ist unerträglich. Es ist in keinster Weise zu entschuldigen oder gar zu akzeptieren. Aber es wäre auch wünschenswert, wenn der Zentralrat der Juden, der sich bis dato mehr den Realitäten des Jahres 1945 und weniger den Realitäten der Gegenwart verpflichtet gefühlt hat, sich endlich einmal bewusst machen würde, von wem diese Bedrohung jüdischen Lebens ausgeht. Und von wem nicht.