Samstag, 28. Juli 2012

Das geht auf keine Vorhaut mehr!

Wochenlang hatte sich der Betreiber dieses Blogs fest vorgenommen, hier auf diesem Blog kein einziges Wort zur aktuellen Debatte über die Beschneidung zu schreiben. Warum auch? Dieses Blog ist ein Anti-Salafisten-Blog - das rechtfertigt keinerlei Beitrag zum Thema Beschneidung. Inzwischen jedoch ist es unübersehbar, dass die Debatte über die Beschneidung auch bei den Gegnern der Salafisten, leider auch im Team dieses Blogs, leidenschaftlicher und hitziger geführt wird, als die Debatte darüber, wie das Engagement gegen die Salafisten denn nun weitergehen soll. Ein Zustand übrigens, der sich hoffentlich bald wieder ändert. Und wenn man liest, was andere dieser Tage so schreiben, dann kommt man zuweilen aus dem Entsetzen nicht mehr heraus.

"Diesen Leuten geht es nicht um „Integration“, auch nicht um die Rechte von wehrlosen Kindern, unterdrückten Frauen oder gequälten Tieren, für die sich einzusetzen sie zuweilen vorgeben. Das Einzige, wofür sich diese Leute wirklich interessieren, ist, den Kanaken wieder und wieder vorzuschreiben, was diese zu tun oder zu unterlassen haben. Die Themen sind austauschbar, der Wunsch nach Maßregelung bleibt. Nein, Neonazis sind diese Leute nicht. Nur wollen sie selbst etwas davon haben, dass die Ausländer hier sind und bleiben werden. Und das Wertvollste, was jene verschenken können, ist ein Gefühl von Macht: Wenn ich sonst nichts zu melden habe, will ich wenigstens den Ausländern sagen können, wo es langgeht. Ist schließlich unser Land. Das ist auch der Grund, weshalb die Debatte um „Integration“ seit Jahr und Tag mit einer derart großen Leidenschaft geführt wird. Und beim Thema Beschneidung kann man en passant auch den Juden eins mitgeben – die glauben ja sonst, nur wegen Hitler könnten sie sich alles erlauben." (Quelle: taz.de, 17.07.12)

Das hat der Kolumnist Deniz Yücel am 17.07.12 in der linken taz geschrieben - wofür er auf bestimmten Blogs sofort reflexhaft als "Deutschenhasser" beschimpft wurde. Man könnte einwenden: In dieser Debatte geht es nicht nur um Juden und Muslime - diese Debatte hat inzwischen eindeutig religionsfeindliche Züge. Aber wenn man liest, was Michael Stürzenberger am gleichen Tag auf PI-News veröffentlicht hat, dann bleibt das unschöne Gefühl, dass Herr Yücel mit seiner Kolumne nicht völlig Unrecht hat:

"Dem Judentum kann man zubilligen, dass seine Schriften heutzutage meist nicht mehr wörtlich genommen werden, was auch zu der einzigen Demokratie im Nahen Osten, dem modernen Israel, geführt hat. Wenn sich aber jüdische Verbände und Organisationen beispielsweise so an die uralte Vorschrift der Beschneidung klammern, zeigen sie damit, dass sie sich in diesem Punkt nicht vom Islam unterscheiden. So etwas hat nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nichts zu suchen." 
(Quelle: PI-News, 17.07.12)

Was Herr Stürzenberger da in die Tasten gehauen hat, ist ein mehr schlecht als recht verschlüsseltes "Juden raus!" Und die dümmliche Unterscheidung in "rückschrittliche" deutsche Juden und "moderne" Israelis verfängt da nicht, denn die Beschneidung hat für beide Gruppen die gleiche (hohe) Bedeutung. Wer einen solchen Unfug schreibt, der bedient nur anti-jüdische Reflexe; Schon alleine die Gleichsetzung der jüdischen und der muslimischen Beschneidung ist höchst fragwürdig. Wer jedoch die Beschneidung als Anlass begreift, das Judentum pauschal einer Religion gleichzustellen, in der bis heute gesteinigt wird, in der Frauen vollvermummt und entrechtet sowie sog. "Ungläubige" unter Berufung auf das "Wort Gottes" abgeschlachtet werden, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Aber wer, wie Herr Stürzenberger, der Versuchung, auch den Juden en passant "eins mitzugeben", nicht widerstehen kann, der liefert den Salafisten und linken Islam-Verstehern natürlich eine wundervolle Steilvorlage:

"Ich wußte es eigentlich schon immer, die sogenannte "Islamkritik" von PI-News & Co ist im Grunde ordinärer Antisemitismus hinter einem Vorhang von geheucheltem Prozionismus. Obwohl, … Prozionismus ist ja nicht in erster Linie Solidarität mit den Juden, sondern doch eher die Solidarität mit einem Land - weit weit weg von Deutschland - in das doch bitte alle Juden zu verschwinden haben. Raus aus Deutschland sozusagen. Michael Stürzenberger - der geistige Führer der PImaten-Gilde - hat nun endlich die Hosen runter bzw den Vorhang fallen gelassen. JUDEN RAUS!!! ist die Parole." (Quelle: Dawa-News, 19.07.12)

"Ich habe mich lange gegen die Auffassung gewehrt, Islamophobie und Antisemitismus hätten bedeutende Überschneidungsflächen (no pun intended). Ich gebe hiermit offiziell auf. Es ist ein und das Gleiche." (Quelle: Zeit.de, 17.07.12)

Das hat der vom Betreiber dieses Blogs wenig geschätzte Qualität-Dschurnalist Jörg Lau unter der Überschrift "Islamophobie und Antisemitismus, vereint gegen Beschneidungen" in seinem "Zeit"-Blog geschrieben. Er begründet das damit, mit den Worten Michael Stürzenbergers sei endlich für alle sichtbar "die 'proisraelische' Kostümierung der islamfeindlichen Rechtsradikalen gefallen." Nur war die Gleichsetzung von "Islamophobie" und Antisemitismus schon immer grober Unfug - und sie wird auch weiterhin grober Unfug bleiben. Denn die Vokabel "Islamophobie" bedeutet nichts anderes als die Angst vor dem Islam. Und im Gegensatz zum Antisemitismus, der in allen Zeiten der Geschichte irrationalen Charakter hatte, ist die Angst vieler Menschen vor dem Islam objektiv begründet - die Salafisten sind da nur einer der Gründe davon. So betrachtet ist die Antwort Jörg Laus nicht weniger blödsinnig als die Ausführungen Stürzenbergers.

Es geht an dieser Stelle auch nicht darum, was Michael Stürzenberger und seine PI-Gemeinde wirklich zu diesem Amoklauf veranlasst hat. Ob da wirklich antisemitische Motive eine Rolle spielen oder ob da nicht vielmehr so eine Art "Wir gegen den Rest der Welt"-Rausch eine Rolle spielen, bei dem Stürzenberger & Co. selber gar nicht mehr merken, dass sie sich inzwischen wie Antisemiten anhören, kann man getrost dahingestellt lassen. Da Herrn Stürzenbergers Leistung stets darin bestanden hat, islamische Bedrohungen höchst zutreffend zu analysieren, seine Antworten darauf aber schon immer von Realitätsverlust und Selbstüberschätzung gekennzeichnet waren, scheint letzteres plausibler.

Entscheidend ist etwas ganz anderes: Wenn ein namhafter Islam-Kritiker, und sei es nur aus Doofheit, plötzlich solche Botschaften in die Welt hinausposaunt, dann freuen sich von der Islamisierungs-Lobby bis hin zu den Herren Salafisten natürlich alle. Und jubilieren, weil sie glauben, jetzt hätten sie den 'Beweis' dafür, dass es sich bei den Islam-Kritikern in Wahrheit um antisemitische und islamfeindliche "Rechtsradikale" handele. Und natürlich auch deswegen, weil sie wissen, dass sich die deutsche Islam-Kritik mit solchen Debatten über kurz oder lang selber zerstört.

Cui bono?

Die allerwichtigste Frage, die aber leider fast kaum debattiert wird, lautet: Cui bono? Wem nutzen solche Debatten? Um diese Frage zu klären, sollte man sich noch einmal kurz den chronologischen Ablauf dieser Debatte in Erinnerung rufen. Da gibt es nämlich einen Punkt, der den Betreiber dieses Blogs von Anfang an misstrauisch gestimmt hat:

Das sog. Kölner Beschneidungs-Urteil ist am 07.05.12 verkündet worden. Und damals hat es niemanden, keine Zeitung und auch keinen TV-Sender, interessiert. Damals hatten wir eine Salafisten-Debatte, die durch die Bonner Salafisten-Krawalle ausgelöst war. Und die natürlich auch die Integrations-Industrie und die Islamisierungs-Lobby in schwere Bedrängnis gebracht hat. Davon, dass unserer Links-Presse, die mit der Islamisierung eher sympathisiert, diese Debatte überhaupt nicht in den Kram gepasst hat, kann man getrost ausgehen.

Nach den Razzien bei den Salafisten am 14.06.12 und dem Verbot des Solinger Salafisten-Vereines Millatu Ibrahim erlebte diese Salafisten-Debatte einen völlig neuen Höhepunkt. Und urplötzlich, ungefähr 10 Tage nach eben diesen Razzien, zogen unsere Medien ein 7 Wochen altes Gerichtsurteil, das bis zu den Salafisten-Razzien niemanden interessiert hat, wie ein Kaninchen aus dem Hut (hier, hier und hier). Damit hatten unsere Medien eine neue Debatte angestoßen, gar eine Debatte, die den Islam und die Salafisten aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit genommen hat - und statt dessen mehr und mehr das Judentum und die Gleichsetzung von Islam und Judentum zum Inhalt hatte. Eine Gleichsetzung, die aufgrund der Bedrohung durch den Islamismus nicht einmal ansatzweise eine Daseinsberechtigung hat. Und dass Stürzenberger und seine PI-Gemeinde auch noch so strunzdoof waren, dieses Spiel willig mitzuspielen, dürfte sich in den linken Redaktions-Stuben unserer Republik kaum jemand erträumt oder erhofft haben.

Aber genau das ist passiert, weshalb die Gewinner schon jetzt feststehen: Es sind die Integrations-Industrie, die Islamisierungs-Lobby und die ihr verbundene Links-Presse mit allen ihren Islam-Verstehern. Auch die tatsächlichen Antisemiten unseres Landes gehören dazu, nicht zu vergessen natürlich die Salafisten und andere radikalen Muslime - die dürften durch diesen Paradigmenwechsel ungleich mehr gewonnen haben, als sie durch ein Stückchen Vorhaut verloren haben. Der Hauptverlierer sind nicht etwa die deutschen Juden, sondern ist die deutsche Islam-Kritik, die sich mit dem religionsfeindlichen Amoklauf des Herrn Stürzenberger auf den Weg der Selbstzerstörung begeben hat. Und natürlich werden die Islam-Kritiker wie auch die Salafisten-Gegner jetzt damit leben müssen, dass Christen und Juden, die auch Angst vor dem radikalen Islam haben, sich trotzdem von ihnen abwenden.

Und damit dürfte auch hinreichend erklärt sein, warum sich dieses Blog bislang nicht an der Beschneidungs-Debatte beteiligt hat und sich auch zukünftig nicht an dieser Debatte beteiligen wird. Denn hier wird die in der Tat schwierige und komplexe Frage der Beschneidung ganz offensichtlich dazu missbraucht, die Religion als solches zu attackieren - und so ganz nebenbei die Verbrechen des Islamismus zu relativieren und den Juden, wie Herr Yücel so treffend formulierte, en passant auch noch "eins mitzugeben". Und wenn Michael Stürzenberger und die anderen Volldeppen von PI-News da bereitwillig mitmachen, so ist das deren Angelegenheit. Da aber dieses Blog mit PI-News noch nie etwas im Sinn oder gar zu tun hatte, besteht für dieses Blog nicht einmal die Notwendigkeit, sich von solchen Entartungen zu distanzieren.

Dieses Blog ist ein Anti-Salafisten-Blog; Es dient der Berichterstattung über alles, was mit den Salafisten zu tun hat. Es ist nicht die Aufgabe dieses Blogs, über das Für und Wider religiöser Traditionen zu debattieren. Schon gar nicht ist es die Aufgabe dieses Blogs, sich an einer Debatte zu beteiligen, die - wie der chronologische Ablauf des Kölner Urteils, der Salafisten-Debatte und der Medien-Berichterstattung über das Beschneidungs-Urteil deutlich aufzeigt - von den Medien nur deshalb initiiert wurde, um von Salafisten-Debatten abzulenken. Eben deshalb wird der Betreiber dieses Blogs, ungeachtet seines Entsetzens über die Entartungen der Beschneidungs-Debatte, auch ganz normal mit der Salafisten-Berichterstattung fortfahren.