Sonntag, 3. Juni 2012

Was das Gericht völlig ausblendet

"Das zeigen aus Sicht der Behörden eindeutig die Ereignisse in Bonn und Solingen. Nur etwa die Hälfte der 108 festgenommenen Salafisten stammt aus Nordrhein-Westfalen. Ein großer Teil der Randalierer war eigens für die Proteste aus anderen Teilen der Republik angereist - aus Berlin, Hamburg, Hessen und Niedersachsen. Fünf der Festgenommenen hatten Kontakte zur Islamschule (200 Online-Studenten) des Braunschweiger Predigers Muhamed Ciftci. "Er bietet im Rahmen seiner Schule Islamunterricht im Internet an. Fünf der Festgenommenen haben bei Ciftci studiert. Zwei von ihnen hatten persönliche Kontakte nach Braunschweig und lebten dort auch zeitweise", sagte der niedersächsische Verfassungsschutzpräsident Hans-Werner Wargel der "Welt". (Quelle: WELT.ONLINE, 02.06.12)

Nein, wir sind nicht überrascht, das zu lesen. Außer der Besserwisserin Claudia Dantschke, die über Muhamed Ciftci und die Mönchengladbacher Salafisten immer so redet, als ob sie in ihrer Eigenschaft als "Islamismus-Expertin" selbst elementare Formen von Recherche nicht nötig hätte, dürfte niemand über diese Zeitungsmeldung überrascht sein. Denn nachdem auffällig viele Terroristen und Möchtegern-Terroristen der letzten Jahre entweder "Vorträge" von Herrn Ciftci besucht hatten, "Schüler" seiner sog. Islam-Schule waren oder sonstwie Kontakte zu ihm und/oder den Mönchengladbacher Salafisten hatten, ist es nicht weiter überraschend, dass Schüler seiner "Islam-Schule" auch bei den Ausschreitungen der Salafisten in Bonn und Solingen Anfang des letzten Monats beteiligt waren.

Bei der Gelegenheit: Bei der letztjährigen Karnevals-Schlägerei, die gerade vor dem Mönchengladbacher Amtsgericht verhandelt wird, war auch Muhamed Ciftci vor Ort. Komischerweise jedoch ist er nicht geladen, seine Anwesenheit wird genauso ausgeblendet wir der gesamte Kontext, in dem diese Schlägerei stattgefunden hat.

Warum eigentlich?

Also nochmal zur Erinnerung: Am 2. März 2011 gab es das feige Attentat Arid Ukas, bei dem zwei unschuldige Menschen hinterrücks ermordet wurden. Und in den darauffolgenden Tagen durften die entsetzten Bürger dieser Stadt in der Presse lesen, dass Arid Uka vor der Tat Kontakt zum nur offiziell aufgelösten Mönchengladbacher Salafisten-Verein Einladung zum Paradies hatte.

Zwei Tage später, am 4. März, hatte die damalige IgS eine Mahnwache vor Sven Laus "Zam-Zam-Shop" in Waldhausen. Die Teilnehmer dieser IgS-Mahnwache berichteten nach Beendigung derselben, dass die Salafisten an diesem Tag auffällig und überdurchschnittlich gereizt und aggressiv waren - was in Anbetracht der damaligen Ereignisse niemanden verwunderte. Und dass es während des Karnevals nicht gerade sonderlich schwierig ist, irgendwelche besoffenen Clowns zu finden, die man in eine Schlägerei verwickeln kann, erwähnte der Betreiber dieses Blogs ja bereits.

Und nur zwei weitere Tage später kam es dann zu eben der Schlägerei und dem Schlagstock-Einsatz, der jetzt vor dem Mönchengladbach Amtsgericht verhandelt wird. Ob bei diesem Zusammentreffen der Salafisten am 6. März wirklich nur die Geburt von Ciftcis Sohn gefeiert wurde oder ob es sich nicht auch um ein Krisentreffen von Salafisten gehandelt haben könnte, die durch die damaligen Ereignisse und die entsprechenden Presse-Enthüllungen in großer Erklärungsnot waren, lassen wir einmal dahingestellt.

Entscheidend ist: Bereits unmittelbar nach dieser Schlägerei lief die salafistische Propaganda-Maschinerie sofort an, schon am nächsten Tag waren Arid Uka, sein feiger Anschlag, dessen Opfer und die Bezüge zu den Mönchengladbacher Salafisten völlig vergessen. Stattdessen wurde nur noch über eben diese Karnevals-Schlägerei berichtet und debattiert, über pöhse "Nazis" und unschuldige Salafisten als "Opfer" eines "Mord-Anschlages". Kurz: Zwischen dem feigen Anschlag von Arid Uka und der Schlägerei am Karnevalssonntag waren die Salafisten völlig in der Defensive und hochnervös, nach dieser Schlägerei jedoch waren die feinen Herren Salafisten "Opfer" - und die Salafisten-Gegner in der Defensive und in Bedrängnis.

Eine kurze Bemerkung der Richterin während Sven Laus Zeugenaussage, das salafistische Propaganda-Video, das kurz nach dieser schlagenden Auseinandersetzung gedreht und ins Internet gestellt wurde, würde dem Gericht nicht vorliegen, wirft die Frage auf, ob es sein kann, dass sich das Gericht vor dieser Verhandlung über den Kontext der zu verhandelnden Schlägerei nicht einmal informiert hat?

Warum die Staatsanwaltschaft und das Gericht den Kontext, in dem diese Schlägerei stattgefunden hat, völlig ausblendet, ist nicht nachvollziehbar. Denn die Beweisaufnahme hat bislang keine klare Antwort auf die Frage ergeben, von welcher Seite die Aggressionen an diesem 6. März ausgegangen sind. Und da bis dato alle Zeugen bei dieser Frage einen seltsamen, kollektiven Erinnerungsverlust hatten, ist eine juristisch einwandfreie Klärung dieser Frage auch im weiteren Verlauf dieser Verhandlung nicht mehr zu erwarten.

Wenn man diese Karnevals-Schlägerei jedoch in den damaligen Kontext einordnet, so versteht man sehr schnell, warum es an diesem 6. März 2011 keinerlei Überraschung war, dass besoffene Karnevalisten und Salafisten plötzlich schlagend aneinandergeraten sind.